Potretti.
Contemporary Finnish Photography

4. Oktober bis 30. November 2014
Öffnungszeiten: Dienstag–Sonntag: 11–18 Uhr,
Mittwoch: 11–20 Uhr, Montag geschlossen
Eintrittspreise

 
Nelli Palomäki, At Twenty-six #3

Foto: Nelli Palomäki, At Twenty-six #3, 2008, © Nelli Palomäki / VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Santeri Tuori, Karlotta

Foto: Santeri Tuori, Karlotta, 2003,
Video Still_09, © Santeri Tuori / VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Iiu Susiraja, Luuta/Besen

Foto: Iiu Susiraja, Luuta/Besen, 2010,
aus der Serie »Hyvä käytös«/»Gutes Benehmen«, 2008–2010, © Iiu Susiraja

Harri Pälviranta, In a park, 22.35

Foto: Harri Pälviranta, In a park, 22.35, aus der Serie »Battered«, 2006–2007,
© Harri Pälviranta

Das Porträt ist das wohl beliebteste Genre der Fotografie. Dabei geht es darum, die Existenz der Identität zu erfassen. Das Porträt im Pass ist der visuelle Kommunikator, der auf den ersten Blick unsere Akzeptanz in einer fremden Umgebung etabliert. Im Familienalbum zeugt es von Festen und Erfolgen und beweist das genetische Erbe. In den sozialen Medien wird es zum Vorschaubild, mit dem wir erzählen, was die Welt von uns wissen soll.

Anlässlich des Auftritts von Ehrengast Finnland zur Frankfurter Buchmesse 2014 werden in »Potretti« (finnisch für Porträt) sieben zeitgenössische Fotografen aus Finnland mit ihren Beiträgen zur Porträtfotografie gemeinsam vorgestellt. Sie setzen außergewöhnliche Themen mit verschiedenen charakteristischen Methoden und Medien wie Fotografie, Film, Video und Collage bildlich umsetzen. Die Porträts und Selbstpoträts von Elina Brotherus, Ulla Jokisalo, Harri Pälviranta, Nelli Palomäki, Raakel Kuukka, Iiu Susiraja und Santeri Tuori sind der Schlüssel zu ihren Geschichten und gehen weit über die dokumentarische Darstellung hinaus. Aus der Beobachtung ihrer Umgebung entstehen intime Inszenierungen der Freude, der Selbstreflexion und der Ironie. Kindheit, Jugend, Körper, Mutterschaft, Familie, Altern, Gewalt und die Fotografie selbst sind die Leitmotive der Ausstellung.

In den 1980er und 1990er Jahren spielte das situative Porträt in der zeitgenössischen finnischen Fotografie eine außergewöhnliche Rolle. Der Autodidakt Eskö Männikkö erregte mit seinen Farbfotografien von finnischen Männern, die allein in abgeschiedenen Gegenden leben, großes Aufsehen, nicht nur wegen der Selbstironie seiner Ausstellungen in Räumen wie dem Portikus in Frankfurt 1996. In seiner Serie »Imaginary Homecoming« reinszenierte der Künstler Jorma Puranen Porträts der Samen, der Ureinwohner Lapplands, aus dem 19. Jahrhundert, die er in einem Pariser Archiv gefunden hatte, in der Landschaft, in der sie aufgenommen wurden. Um diese Zeit fand auch Elina Brotherus mit ihren Farbfotografien internationale Anerkennung, die in einer einzigartigen Bilderzählung andere Menschen oder sie selbst in Landschaften oder Interieurs zeigen. Ihre Verweise auf Kunstgeschichte, Literatur und Musik betonen Verlust, Liebe und deren Fehlen. Auch der finnisch-amerikanische Fotokünstler Arno Rafael Minkkinnen, der in den letzten dreißig Jahren in Finnland fotografierte und lehrte, hat das Genre des experimentellen Selbstporträts beeinflusst. Und Jan Kaila, der mit seiner in den 1980er Jahren begonnenen Langzeitstudie über das Leben des Naturalisten, Performers und Einsiedlers Elis Sinstistö eine Brücke zwischen Dokumentation und Performance schlug, beeinflusste die nächste Generation der Bildkünstler.

»Potretti« zeigt Arbeiten von folgenden finnischen Talenten: Elina Brotherus (geb. 1972 in Helsinki, Finnland) arbeitet mit Fotografie und Film. In ihrem Frühwerk beschäftigte sie sich mit subjektiven Erfahrungen wie der Präsenz und dem Fehlen von Liebe. Seit Ende der 1990er Jahre konzentriert sie sich auf die Beziehung zwischen menschlichen Figuren und Landschaften sowie auf den Blick des Künstlers auf das Modell. »Annonciation« (Verkündigung) kehrt zurück zu Fotos, die ihrer persönlichen Erfahrung und ihrer Bereitschaft entspringen, das immer noch tabuisierte Thema der Unfruchtbarkeit zu inszenieren. Während ihrer erfolglosen Versuche, schwanger zu werden, drehte Elina Brotherus in New York, wo sie damals lebte, den 16-mm-Film »Wrong Face«. Im Unterschied zu den Fotos, die die bittere Realität der Unfruchtbarkeit in Tagebuchform dokumentieren, offenbart der Film ein anderes Gesicht: er zeigt eine entschieden freie und kreative Frau, die ihre Kunst ausübt. Diese jüngsten Werke sind beispielhaft für den Wunsch der Künstlerin, sich auch weiterhin mit dem Selbst und der Intimität zu beschäftigen. Ulla Jokisalo (geb. am 1955 in Kannus, Finnland) entwickelt einzigartige Collagen, zum Beispiel aus Illustrationen, Fotos, Objekten, Fäden, Nadeln und Bändern. Für ihre Erzählungen über das Schöne und das Böse, über Schmerz und Begehren nutzt sie Verweise auf Literatur, historische Fotos, Märchen, das Motiv des Spiegels, Natur und Mythologie. Ihr introspektives Alter Ego taucht oft als unschuldiges Kind auf, das die Bühne des Lebens kritisch oder träumerisch betrachtet. In Raakel Kuukkas (geb. 1955 in Anjala, Finnland) Themen finden sich Spuren autobiografischer Erzählungen, ob in ihrem fortlaufenden Tagebuch aus Selbstporträts oder in den Studien von Familienmitgliedern und Familienerbstücken. In ihren Fotografien und Videos paart sich Intensität oft mit Ironie. Als Dozentin hat sie mit ihren situativen Selbstporträts viele Studierende beeinflusst. Nelli Palomäkis (geb. 1981 in Forssa, Finnland) Schwarzweiß-Porträts offenbaren die Fragilität des gemeinsamen Augenblicks mit dem Sujet. Im Fokus stehen bei ihr Kinder und Jugendliche, ihre Themen sind Wachstum, Erinnerung und die problematische Art unserer Selbstbetrachtung. Zu ihren wichtigsten Themen zählt die eigene Sterblichkeit. Harri Pälviranta (geb. am 1971 in Tampere, Finnland) ist Fotokünstler und Wissenschaftler. Theoretisch lassen sich seine Arbeiten als dokumentarisch bezeichnen, doch sein dokumentarischer Stil ist mit Konzepten wie konstruierter Realität und dramatisierten, narrativen Wirklichkeiten verwandt. Seine letzten Werkgruppen beschäftigen sich mit den Auswirkungen und der Darstellung von Gewalt in den Medien. Iiu Susiraja (geb. 1975 in Turku, Finnland) arbeitet mit Fotografie, Video und Installationen. Ihre einzigartigen Selbstporträts, in denen es um Weiblichkeit, den Körper, Traditionen, gesellschaftliche Stereotypen und Liebe geht, entstehen aus tragikomischen Alltagssituationen. Ihre Aufnahme in die internationale Gruppenausstellung »Alice in Wonderland« in Finnland und Spanien war ein entscheidender Schritt in ihrer Laufbahn. Santeri Tuori (geb. 1970 in Espoo, Finnland) arbeitet mit Fotografie und Video und verbindet die beiden Medien oft in einer einzigen Präsentation. Sein Werk beschäftigt sich konsequent mit Zeit und Veränderung. Die langsamen Bewegungen der Bilder fordern den Betrachter auf, zu untersuchen, wie und was er sieht. Winzige Veränderungen lösen Gefühle wie Erwartung, Freude und Melancholie aus.

Das die Ausstellung begleitende Buch »POTRETTI. Photographs and Literature from Finnish Artists and Writers«, herausgegeben von Frank Bollinger und Celina Lunsford, beinhaltet Arbeiten der ausgestellten Fotografen und Texte von Elias Lönnrot, Asko Sahlberg, Tove Jansson, Iiu Susiraja, Riikka Ala-Harja, Aki Salmela, Veikko Huovinen und Edith Södergran. Es ist während der Ausstellung für 19 EUR im Fotografie Forum Frankfurt erhältlich.

»Potretti«, kuratiert von Celina Lunsford, künstlerische Leiterin Fotografie Forum Frankfurt, ist eine Zusammenarbeit zwischen FILI – Finnish Literature Exchange, Frame Visual Art Finland und dem Fotografie Forum Frankfurt. Die Ausstellung ist Teil des Kunst- und Kulturprogramms FINNLAND.COOL. Frankfurter Buchmesse. Ehrengast 2014.

Begleitprogramm


Samstag, 11.10.2014, 18 Uhr
Vortrag »The Artist and her Model«
Elina Brotherus, Fotografin, Finnland/Frankreich

Samstag/Sonntag, 11./12.10.2014, 10–18 Uhr
Workshop Porträtfotografie »The Artist and her Model«
Elina Brotherus, Fotografin, Finnland/Frankreich

Mittwoch, 22.10.2014, 19 Uhr
Vortrag »Collecting and Exhibiting at the Finnish Museum
of Photography in Helsinki«

Elina Heikka, Museumsdirektorin Finnish Museum of Photography, Helsinki

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